Extremismus
Der Extremismusbegriff wird in der interdisziplinären Forschung immer wieder neuen Definitionsversuchen ausgesetzt und zeichnet sich im Besonderen durch seine Unschärfe aus. Während Behörden staatszentriert mit politischer Kriminalität und dem Strafgesetzbuch operieren, ist dieser Definitionsversuch aus wissenschaftlicher Perspektive zu unterkomplex. Um sozialwissenschaftliche Zusammenhänge erklären zu können, ist die „behördliche Definition“ zu eindimensional, da sie u.a. Ursachen und Entstehungsschritte ausgeblendet und keine Analyse von Entwicklungsbedingungen, sei es strukturell, sozialräumlich oder psychologisch, berücksichtigt.
Wir orientieren uns daher an dem Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die in der gesamten Gesellschaft verbreitet ist und sich nicht klar von einer vermeintlichen „Mitte der Gesellschaft“ abgrenzen lässt. Extremismus lässt sich also nicht nur als Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaats definieren, sondern auch als ein Phänomen mit einem Bündel aus Eigenschaften, wie Sexismus, Rassismus, autoritäre Einstellungsmuster, Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus, biologischer und oder kultureller Rassismus, wie der Idee homogener Völker und Kulturen oder dem Vorrang der Volksgemeinschaft vor dem Individuum. Das weit verbreitete Verständnis von Extremismus muss also zwingend um die Ideologien der Ungleichwertigkeit ergänzt werden.
Zur Prävention von Extremismus braucht es dabei eine Positionierung gegen jegliche Ungleichwertigkeitserzählung. In Anlehnung an dieser Extremismusdefinition erforschen wir insbesondere die Pipelines und Brückennarrativen, die phänomenübergreifend in den Sozialen Medien geteilt und von den Algorithmen gepusht werden.
Religiös begründeter Extremismus
Religiös begründeter Extremismus umfasst verschiedene Strömungen, die eine fundamentalistische Weltanschauung vertreten und Religion gezielt politisieren, um eine gesellschaftliche Neuordnung herbeizuführen. Dieses Phänomen tritt in unterschiedlichen Glaubensrichtungen auf, darunter im Christentum, Islam und anderen Religionen.
Kennzeichnend für religiös begründeten Extremismus ist die umfassende Anwendung fundamentalistischer religiöser Auslegungen auf sämtliche Lebensbereiche, die Politisierung von Religion sowie die Propagierung der Ungleichwertigkeit von Menschen. Um ihre Ziele zu erreichen, rechtfertigen extremistische Gruppen mitunter Gewalt, teilweise rufen sie direkt oder indirekt dazu auf oder setzen sie selbst ein.
Das TPX untersucht vorrangig den islamistischen Extremismus im digitalen Raum. Dabei werden Kategorien wie der politische Islamismus sowie verschiedene salafistische Strömungen unterschieden, darunter takfiristische und militante Gruppen.
Diese Kategorisierung dient sowohl der Differenzierung theologisch-ideologischer Narrative als auch der systematischen Erfassung unterschiedlicher Spektren sowie der Analyse von Radikalisierungsprozessen und -stufen. Es handelt sich um empirisch fundierte Arbeitsdefinitionen, die zur Untersuchung komplexer und dynamischer Online-Strukturen und Inhalte herangezogen werden.
Rechtsextremismus
Rechtsextremismus bezeichnet Einstellungen und Verhaltensweisen, welche sich gegen die gesellschaftliche Vielfalt und Gleichwertigkeit aller Menschen aussprechen. Zur Abgrenzung von der Hufeisentheorie wird auch von der extremen Rechten gesprochen. Im Zentrum extremrechter Weltanschauungen stehen autoritäre, hierarchische Gesellschaftsmodelle sowie die Konstruktion des Kollektivs. Da die Unantastbarkeit der menschlichen Würde im deutschen Grundgesetz verankert ist, sind extremrechte Einstellungen und Handlungen verfassungsfeindlich.
Das Weltbild der extremen Rechten ist auf politischer Ebene durch die Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistische Einstellungen und oftmals einer Verharmlosung des Nationalsozialismus gekennzeichnet. Errungenschaften von Bewegungen der Aufklärung und (Frauen-)Emanzipation werden negiert. Im gesellschaftlichen Bereich ist die Ideologie geprägt von rassistischen, antisemitischen, kulturalistischen und sozialdarwinistischen Denkmustern. Sowohl verbale, strukturelle als auch physische Gewalt wird nicht nur toleriert, sondern als notwendiges Mittel zur Durchsetzung der eigenen gesellschaftspolitischen Ziele akzeptiert.
Das TPX analysiert neben extremrechten Pipelines in Sozialen Medien auch Brückennarrative, die Anschlusspotenzial an die breite Gesellschaft besitzen. Die ideologische Strömung grenzt sich selbst von bisherigen Bewegungen des „klassischen“ Rechtsextremismus ab. Sie propagiert einen kulturalistisch begründeten Ethnopluralismus mit dem langfristigen Ziel, gesellschaftspolitische Diskurse hin zu autoritären und antipluralistischen Gesellschaftsmodellen zu verschieben. Ihre metapolitische Strategie, ideologisch und sprachlich an konservative Kreise anzuknüpfen, erschwert eine klare Abgrenzung und macht die Neue Rechte zu einem zentralen Untersuchungsgegenstand der politischen Forschung.
Prävention
Radikalisierung und Extremismus präventiv, also „zuvorkommend“ begegnen – das ist das Ziel der wissenschaftlichen begleiteten Projekte. Die Konzeption dafür geeigneter Methoden erfordert eine differenzierte Betrachtung in Bezug auf die jeweilige Zielgruppe. Zunächst unterscheiden wir dazu zwischen phänomenübergreifender und phänomenspezifischer Prävention. Während phänomenübergreifende Prävention themenorientiert im Bereich der Menschen- und Demokratiefeindlichkeit ansetzt, bedarf die phänomenspezifische Prävention, hier im Bereich religiös begründeter Extremismus, eines personenorientierten Zugangs und somit eine weitere Differenzierung.
In der Präventionsarbeit werden drei Ebenen unterschieden. Aufgrund projektbezogener Vorgaben folgen wir der Einteilung von Gerald Caplan (1964): primäre (alternativ s. Gordon 1983: universelle) Prävention zur Aufklärung und Sensibilisierung eines breiten Publikums, sekundäre (selektive) in Bezug auf Personen in ideologienahen Sphären bzw. mit Berührungspunkten zu extremistischen Themen oder Gruppen, sowie tertiäre (induzierte) Prävention bei Fällen mit bereits extremistischen Ausprägungen bzw. Merkmalen. Da diese Ebenen fließend ineinander übergehen können und eine zu enge Einteilung mit Stigmatisierungsrisiken verbunden ist, dienen sie lediglich der konzeptionellen Orientierung.