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Politischer Extremismus

Thomasius Research Institute on Political Extremism

Der Begriff des Extremismus wird in den europäischen Demokratien zum Teil unterschiedlich verstanden. Die Interpretation ist von der politischen Kultur und den historischen Erfahrungen des jeweiligen Landes abhängig. Der deutsche Verfassungsschutz definiert Extremismus als fundamentale Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaats. Darunter fallen alle Bestrebungen, die sich gegen den Kernbestand des Grundgesetzes beziehungsweise der freiheitlich demokratischen Grundordnung insgesamt richten.

Unter den Begriff des Extremismus fallen der Linksextremismus und der Rechtsextremismus, aber auch der religiöse Fundamentalismus, der sich nicht angemessen auf der Links-Rechts-Achse platzieren lässt. So gut wie alle Formen des Extremismus zeichnen sich durch Freund-Feind-Stereotypen aus, durch Heilslehren, durch Verschwörungstheorien, auch durch Missionseifer. Gewaltanwendung ist dagegen nicht immer kennzeichnend.

FORSCHUNGSSTAND

Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 und den weltweit folgenden islamistischen Anschlägen steigt die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen zum Phänomen der Radikalisierung signifikant. Der Schwerpunkt der internationalen Veröffentlichungen liegt dementsprechend auf der dschihadistischen Radikalisierung in westlichen Gesellschaften durch eine extremistische und politische Auslegung des Islams.

In der deutschsprachigen Forschung steht dem eine historische, traditionelle und gut etablierte Rechtsextremismusforschung gegenüber. Untersuchungen zu linksextremistischen Akteuren, Gruppen oder Bewegungen in Deutschland beziehen sich dagegen meist auf die siebziger und achtziger Jahre. Aktuelle Studien und Publikationen zum Linksextremismus in Deutschland sind jedoch eher selten.

Zwar boomt die Forschung zum Thema „Radikalisierung“, aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema sind bisher jedoch nur wenige praxisrelevante Ansatzpunkte für Deradikalisierung entstanden.

RADIKALISIERUNG

Politische wie religiöse Radikalisierung sind zu einem gesellschaftlichen Alltagsphänomen und für Medien, Politik und Bevölkerung zu einem Dauerthema geworden – und trotzdem ist über die sie ermöglichenden Bedingungen immer noch wenig bekannt.

Individuelle Ursachen der Radikalisierung

Warum ein Individuum sich radikalisiert und unter Umständen auch zur Anwendung terroristischer Gewalt bereit ist, beschäftigt Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen. Es gibt heute eine ganze Reihe internationaler und nationaler Studien, die zeigen, dass insbesondere die Aneignung extremistischer Denkmuster und die Mitgliedschaft in einer extremistischen Gleichaltrigengruppe im Jugendalter häufig auch eine sozio-biografische Funktion erfüllt. Beides hilft bei der Bewältigung kritischer Lebensereignisse, der Lösung von Entwicklungsaufgaben oder bei der Überwindung einer Statuspassage. Es geht sowohl um die Reduktion von Unsicherheiten und Identitätskonflikten als auch um die Befriedigung allgemeiner Bedürfnisse wie Zugehörigkeit und Anerkennung.

Besonders extremistische Gruppen bieten sich durch ihren autoritären Führungsstil sowie ihre Hierarchie und Rollenstruktur dafür an, liefern sie doch ihren Mitgliedern eine umfassende soziale Identität. Ideologien bieten Individuen wiederum subjektiv nachvollziehbare Deutungsmuster und individuelle Handlungsalternativen für ihre spezifischen Problemlagen an.

Radikale Netzwerke und Virtualität

Radikale Gruppen stellen nicht nur Sicherheitsbehörden, sondern die gesamte Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Da Radikalisierungsprozesse oftmals durch soziale Interaktionen in Gruppen vorangetrieben werden und selbst Personen, die schlussendlich im Alleingang handeln, im Vorfeld mit anderen Personen, Netzwerken und Gruppen interagieren, sind Gruppendynamiken, kollektive Identität und Ideologie wichtige Gegenstände der Radikalisierungsforschung.

Radikalisierung vollzieht sich zwar primär in der „realen Welt“, Extremistinnen und Extremisten zeigen sich seit Bestehen des Internets als virtuose Internetnutzer, die nicht nur mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten, sondern sie auch geschickt für ihre Zwecke einzusetzen wissen – als Propagandamittel, zur Rekrutierung, für Logistik und Finanzierung ihrer Machenschaften. Heute ist das Internet zu einem der zentralen Betätigungsfelder radikalisierter Gruppen geworden.

DE-RADIKALISIERUNG

Deradikalisierung wird als ein Prozess verstanden, innerhalb dessen die extremistischen Absichten der radikalisierten Person individuell, bedürfnisorientiert und schrittweise aufgearbeitet und schlussendlich abgelegt werden.

Konkrete Arbeitsfelder der Extremismusprävention und Deradikalisierung:

  • Angehörigen- und Umfeldberatung
  • die direkte Beratung und Begleitung von radikalisierungs­gefährdeten und radikalisierten Personen
  • Online-Deradikalisierungsarbeit, ist ein neues Arbeitsfeld